Dämonen

Ich habe beim Schreiben eine Regel: Ein Projekt nach dem anderen. Während ein Manuskript bei der Alphaleserin oder im Lektorat ist, arbeite ich an anderen Sachen, aber bevor das Hauptprojekt fertig ist, erlaube ich mir keine andere Spielwiese.

Jetzt ärgert mich aber schon die längste Zeit ein hartnäckiges Plotbunny, das gerne ein einbändiger Roman in der Unsternwelt wäre. Es würde suuuuper hineinpassen und überhaupt, etwas Einbändiges kann man ja ruhig mal dazwischenschieben. Soweit die Logik des Plotbunnys.

Und weil es einfach keine Ruhe gibt, habe ich heute auf Twitter gefragt, wie Leute, die an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten, ihre Zeit auf die verschiedenen Projekte aufteilen. Denn auch wenn ich sehr intensiv mit dem Bunny flirte, habe ich ein schlechte Gewissen, denn Unstern hat einfach absolute Priorität.

Die Diskussion scheint beim einen oder anderen einen Nerv getroffen zu haben, und deswegen hatte ich das Bedürfnis, hier noch etwas dazu zu schreiben.

Es geht um Zielsetzung. Darum, was man vom Schreiben will. Und um Dämonen.

Der Grund, warum ich die oben erwähnte Regel für mich eingeführt habe, ist ein einfacher. Ich habe früher sehr viel gleichzeitig geschrieben. Immer Fantasy, aber die verschiedensten Welten und Geschichten. Mit dem Effekt, dass nie etwas fertig geworden ist. Die Geschichten sind halbfertig liegen geblieben, weil ich stecken geblieben bin, weil mich ein anderes Projekt mehr interessiert hat – die Gründe waren vielfältig.

Meine Schwester hat mir irgendwann erzählt, dass sie meine ganzen halbfertigen Geschichten heimlich gelesen hat und sich immer darüber geärgert hat, dass ich einfach nichts fertig gemacht habe. Nur warum habe ich das nicht? Einfach, weil ich mich zwischen den tausend Projekten verloren habe, anstatt die Priorität auf eines zu setzten. Das kam erst, als ich “diese Autorensache” ernsthaft angegangen bin.

Aber dass ich Autorin sein wollte, das war mir immer klar. Schon in der Schule wusste ich: Das will ich. Schreiben und davon leben. Mit, ich glaube 18, kam dann mit dem Wolfgang-Hohlbein-Preis eine Deadline von außen und ich habe endlich einen Roman fertig geschrieben. Und dann bin ich wieder von Projekt zu Projekt gehüpft, denn warum auch nicht? Hin und wieder wurde eine Rohfassung fertig, aber überarbeiten? Nicht doch. Das neue Projekt ist viiieeel spannender.

Nicht falsch verstehen. Es ist nicht schlimm, eine Geschichte abzubrechen, wenn man merkt, dass der Plot doch nicht so weit reicht, das Thema doch nicht so spannend ist. Es ist auch nicht schlimm, nie fertig zu werden und an tausend Sachen gleichzeitig zu schreiben.

Außer, wenn es das ist. Wenn es schlimm ist, weil man ja fertig werden will, veröffentlichen will, endlich einmal etwas in der Hand halten will.

Und das wollte ich! Und irgendwann hatte ich den Punkt erreicht, wo ich mir die Frage nach dem Warum gestellt habe. Warum werde ich nicht fertig? Warum breche ich so viel ab, verliere das Interesse, fange tausend verschieden Geschichten an? Leichte Antwort: Einfach so viele deen! Aber das erklärt nicht, warum ich ums Verrecken nichts fertig machte.

Also wo liegt der Hund wirklich begraben?

Manche Ursachen sind tatsächlich leicht zu klären. Falsch geplottet oder nicht genug, nach der Hälfte eine langweilige Richtung eingeschlagen – daraus lernt man und macht es beim nächsten Mal besser.

Andere Ursachen haben tiefere Wurzeln. In unserer Kindheit, in Erfahrungen, die wir gemacht haben, Lektionen, die wir lernen mussten. In Erwartungen, Forderungen, die wir und andere an uns haben. Sie hängen zusammen mit Wünschen, Selbstwert und Träumen. Denn eine unfertige Erstfassung ist ein sicherer Ort. Es kann noch alles werden, kann noch das Meisterwerk werden, das wir von uns erwarten. Wir können davon tagträumen, wie toll das Buch wird, wie fantastisch unser Autorenleben.

Wenn wir tatsächlich ein Buch fertig machen, es aus der Hand geben, werden unsere Träume mit der Realität konfrontiert.

Was, wenn wir nicht gut genug sind, um zu schreiben? Wenn alle unsere Texte hassen? Wenn wir mit dem, was wir ein Leben lang werden wollten, scheitern? Was machen wir dann? Wer zum Teufel sind wir dann noch?

Ängste wie diese sind mächtig und sie pfuschen uns öfter und unauffälliger ins Handwerk als wir meinen.

Will ich jetzt damit sagen, dass alle, die an meheren Projekten arbeiten nur Angst davor haben, etwas fertig zu machen? Großer Gott, nein! Natürlich nicht. Das hier ist meine persönliche Erfahrung und kein “Ich habe die alleinige Weisheit mit den Löffeln gefressen”-Post.

Wir alle haben andere Ziele. Ich will vom Schreiben leben können und hätte mir meinen eigenen Traum beinahe mit meinem Projektgehüpfe versaut, weil ich Angst vor dem Realitätscheck hatte.  Du willst vielleicht einfach nur Spaß daran haben oder hin und wieder was mit Freunden teilen. Oder du bist einfach viel viel geduldiger als ich, die am liebsten jeden Tag ein Buch veröffentlichen würde.

Und das ist alles wunderbar.

Aber wenn du veröffentlichen willst und vor tausend angefangenen Projekten sitzt, dann geht es dir vielleicht wie mir früher. Und dann frage dich:

Bin ich mit meiner derzeitigen Arbeitsweise glücklich? Warum habe ich tausend angefangene Fragmente auf dem PC, aber mache nichts fertig? Liegt es am Plotten? An der Charakterentwicklung? Oder höre ich einfach immer auf, wenn es schwierig wird, anstatt mich durchzubeißen?  Warum mache ich das?

Diese Fragen kann nur jede/r für sich beantworten. Aber sich mit den eigenen Dämonen zusammenzusetzten, kann bei der Suche nach Antworten helfen.

Dieser Post soll niemanden angreifen, der viel gleichzeit schreibt. Ihr wisst am besten, was für euch und euer Schreiben richtig und zielführend ist. Mir war dieser Post einfach ein Bedürfnis, weil ich mich jahrelang hinter “Ich bin gerade nicht inspiriert/Die Szene ist mir jetzt zu schwer/etc.” versteckt habe. 

Und an die, die gleichzeitig schreiben, um zu veröffentlichen: Teilt ihr das nach Stunden auf, nach Tagen? Nach Deadlines von eurem Lektor?

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